Texte/Christian Knechtl: Absencen // Ambient Space // Absorbing Space

Christian Knechtl

Absencen
Ambient Space // Absorbing Space

Das Sein des Nichts

Dreißig Speichen treffen die Nabe,
die Leere dazwischen macht das Rad.
Lehm formt der Töpfer zu Gefäßen,
die Leere darinnen macht das Gefäß.
Fenster und Türen bricht man in Mauern,
die Leere damitten macht die Behausung.
Das Sichtbare bildet die Form eines Werkes,
das Nicht-Sichtbare macht seinen Wert aus.

Laotse, Tao-Te-King (Übersetzung: Walter Jerven, 1928)

 

In den Arbeiten von Beatrix Bakondy begegnet uns das Phänomen des Raumes paradoxerweise durch dessen Abwesenheit.

Kann Raum ohne Materie existieren?
Bedingt erst die Existenz von Raum die Existenz von Zeit?

Der Raum, der uns umgibt, ist nicht homogen, nicht statisch. Im Gegenteil. Er verändert sich mit uns. Wir gestalten unseren Lebensraum mit Materialien nichtmaterieller Welten: bauen den uns umgebenden Welt-Raum aus Freude und Furcht, aus Hoffnung und Melancholie, aus Zuversicht und Erinnern, aus Glück und anderen seltsamen Empfindungen.

Sequenzen dieser unterschiedlichen Daseinszustände (Ambiente und Absencen) wie die weißen Schatten nicht immer sichtbarer, pulsierender Empfindungsräume, deren Enger- und Weiterwerden, deren Schwerer- und Leichtersein und ihr zeitweiliges Verhülltsein im Wechsel dieser Wahrnehmungsdichten bilden die zentralen Inhalte und Themen der Arbeiten von Beatrix Bakondy.

Unsere Hände verändern Welt und Umraum. Nicht nur durch das physische Bearbeiten, sondern durch unsere Berührung erzeugen wir Bewusstsein über die Welt. Das Wahrnehmen der Objekte mit unseren Händen formt zugleich unser Denken. Der leere Raum zwischen den Objekten ist so wichtig wie die Objekte selbst.

Das japanische Wahrnehmungskonzept des Wabi-Sabi steht dieser  Wahrnehmungsweise sehr nahe. Es fußt auf drei einfachen Wahrheiten: „Nichts bleibt, nichts ist abgeschlossen, und nichts ist perfekt.“ 1 Die verhüllte, nicht sofort offenkundige Schönheit steht im Mittelpunkt dieses Weltbildes. Wesentlich ist die innere Wahrheit, die sich in der Hülle des Unscheinbaren verbirgt. Das Prinzip des Ma steht für Leere, welche die Vorbedingung alles Existierenden ist, da das Leersein zugleich die Summe aller Möglichkeiten beinhaltet.

Die Arbeiten von Beatrix Bakondy beschreiben einen weiten Bogen, bestehend aus Absencen und Ambivalenzen, Verborgenem und Nichtwahrgenommenem, Mystik und Metropole. Die Schönheit der unbeachteten Naturformen und fragilen Pflanzenformen der Unkräuter wird abgebildet in der Serie Galaxien. Am Rand der Wahrnehmung existierende Objekte werden zu Schatten des uns umgebenden Alltags (Aerosole).

Es gibt Arbeiten mit politischer Brisanz – sie sind zugleich meditativ. Als Beispiel die Bildserie Raumerinnerung: Papierabdrücke von Menschen, die Asyl suchen. Die ver-
lassenen Papierhülsen sind deren nachgeformte Körperhüllen und bleiben einzig als fotografische Abbilder erhalten. Die Fotos sind Nachhall der durch Hoffnung oder Sorge unterschiedlich geprägten Lebens-Räume der Asylsuchenden, die sich in diesem unfreiwilligen „Urlaub vom Leben“ 2 befinden.

Der Mann ohne Eigenschaften gilt als Schlüsselroman zum Verständnis des Kulturbegriffs des 20. Jahrhunderts. Besonders erstaunlich ist, dass der Autor des Romans, Robert Musil, zuerst erfolgreich das Maschinenbaustudium absolviert, dann über den Physiker Ernst Mach promoviert und sich erst viel später seinem analytischen Romanwerk zuwendet.

Die Existenz der Empfindungen als ambivalente Vermittlerin unserer Wahrnehmung ist für Ernst Mach das zentrale Moment zum Verständnis der Welt. Mach war erfolgreicher Physiker und zugleich Philosoph, Wissenschaftstheoretiker und Wegbereiter der Gestaltpsychologie. Ein Hauptwerk trägt den Titel Die Analyse der Empfindungen und das Verhältnis des Physischen zum Psychischen. Der Physiker Mach konnte erstmals strukturell-dynamische Eigenschaften des Mediums Luft fotografisch abbilden: Berühmt sind seine Dokumentationen, in denen er die Verdichtungskegel der Luft vor einem Projektil sichtbar macht. Besonders interessant für uns sind jene Versuche, bei denen Mach eine Umkehrung der Versuchsanordnung verwendet: indem er bewegte Luft auf ein stillstehendes Objekt bläst. Hier werden neue physikalische Phänomene sichtbar: etwa jenes, dass die Stoßwelle eines bewegten Objektes die Luft bis zum Fünfzigfachen verdichtet. Die Machzahl, welche die Geschwindigkeit eines Objektes im Verhältnis zur Schallgeschwindigkeit beschreibt, ist Resultat dieser Forschung.

Die Sprayarbeiten der Serien Aerosole und Galaxien sind geprägt von diesem Geist der ersten Fotodokumentationen dieser Luftverwirbelungen: Das von Mach entdeckte
Phänomen wird zum Medium des künstlerischen Ausdrucks. Durch die Verwirbelung der aerosolen Farbpartikel werden die abzubildenden Pflanzenstrukturen von der Oberseite, zugleich aber durch Unterdruck und Sogphänomene als weißer Schatten von der auf dem Bildträger liegenden Unterseite abgebildet.

Äquidistanz als Dimension einer gleichbleibenden Qualität innerhalb benachbarter Disziplinen der Kunst zeichnet die sparten- und medienübergreifenden Projekte von
Beatrix Bakondy aus. Die künstlerische Beschäftigung mit Pflanzenformen resultiert aus der aktiven Arbeit im Naturgarten. Dadurch nachvollziehbar wird der Titel dieser Serie: Galaxien. Denn es sind autarke Energiewelten, in welchen sich die Pflanzenwelten täglich alchemistisch selbst generieren, in Form, Struktur und Methode optimiert:
die große Magie der Fotosynthese. Nur Pflanzen ermöglichen die Leben spendende Umwandlung von Sonnenlicht und Kohlendioxid zu atem­barem Sauerstoff und speicherbarer Energiemasse. In diesem Sinn wird die stetige Auseinandersetzung mit Kreisläufen in der Arbeit von Beatrix Bakondy verständlich. Dem „Atmen der Pflanzen“ (Pflanzen atmen Kohlendioxid ein und geben Sauerstoff ab) entspricht die Analyse von Kreisläufen, die sich in allen Arbeiten spiegelt.